Ilona Buchem

Prof. Dr. Ilona Buchem

Experiment “Open Badges” – Potenziale und Risiken der digitalen Vermessung von Kompetenzen an Hochschulen

Kompetenzorientierung ist durch die Bologna-Reform zu einer zentralen Anforderung an die Hochschulbildung geworden. Eine konsequente Umsetzung der Kompetenzorientierung findet allerdings nur selten im Alltag der Hochschullehre statt. Die Studiengangs- und Modulbeschreibungen werden zwar “kompetenzorientiert”, in einer “Bologna-Poetik” formuliert, die praktische Lehr-/Lerngestaltung folgt jedoch häufig einem Themenkanon. Eins der interessantesten Paradoxien der Bologna-Reform ist aber vor allem die Anerkennung von Studienleistungen – diese erfolgt nicht kompetenzorientiert, was eigentlich eine logische Konsequenz sein müsste, sonder aufwandsorientiert – die ECTS-Punkte sind Leistungspunkte, mit denen nicht die erworbenen Kompetenzen sondern der Aufwand (“Workload” in der “Bologna-Poetik”) „gemessen“ wird.

An dieser Stelle kommt das digitale, globale Projekt von Mozilla Open Badges ins Spiel, welches als ein offener, technischer Standard neue Möglichkeiten der digitalen Anerkennung und Verbreitung von erworbenen Kompetenzen in digitalen (Lern-/Kooperations-/Networking-)Umgebungen verspricht. Mehrere Schulen, Universitäten, Arbeitgeber und Anbieter des digitalen Lernens (u. a. MOOCs) weltweit nutzen Open Badges (digitale Auszeichnungen), um Kompetenzen zu erfassen und digital darzustellen. Die ersten Anwendungen, u. a. in der Hochschulbildung, finden in Form von gesellschaftlichen Experimenten statt, in denen neue sozio-technische und medien-didaktische Prozesse in den Gang gesetzt werden.

Der Einsatz von Open Badges zur Anerkennung von Kompetenzen setzt neue Impulse für eine kompetenzorientierte Gestaltung der Hochschullehre mit/in digitalen Umgebungen, stellt das System Hochschule gleichzeitig vor ein neues Dilemma: Welche Arten der Kompetenzmessung und Aussen-/Darstellung kann/will die Hochschule verantworten? Unter welchen Gesichtpunkten kann das Entscheidungsrisiko, welches mit einer experimentellen Implementierung verbunden ist, gerechtfertigt werden?

In diesem Vortrag werden Möglichkeiten und Risiken der digitalen Vermessung von (studentischen) Kompetenzen mittels Open Badges an Hochschulen diskutiert. Dabei werden Open Badges als digitale Infrastrukturen der Wissensproduktion, -verbreitung und -archivierung und als ein gesellschaftliches Experiment betrachtet.

Kurzprofil

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Prof. Dr. Ilona Buchem ist Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Beuth Hochschule für Technik Berlin im Fachbereich I Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften.  Ilona Buchem promovierte im Fach Wirtschaftspädagogik an der Humboldt Universität Berlin zum Thema Kompetenzmodellierung am Beispiel von eLearning bei der Daimler AG. Während ihrer Berufstätigkeit bei der Daimler AG war sie an  der Entwicklung von innovativen eLearning Angeboten für Fach- und Führungskräfte maßgeblich beteiligt. Nach der Promotion war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und später Gastprofessorin für Digitale Medien und Diversität an der Beuth Hochschule tätig. In den Jahren 2012 bis 2016 war sie Gastprofessorin für Digitale Medien und Diversität an der Beuth Hochschule und ist im April 2016 als Professorin (W2) für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Beuth Hochschule berufen worden. Sie hat eine langjährige Erfahrung im Management von Forschungsprojekten und leitet aktuell mehrere Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Bereich Digitale Medien/eLearning, u. a. das EU Projekt “Open Badge Network” (Erasmus+, strategische Partnerschaft, 2014 – 2017), das Projekt “BeuthBonus” – ein Qualifizierungsprogramm für zugewanderte Hochschulabsolvent/innen im Netzwerk “Integration durch Qualifizierung” (BMBF, BMAS, ESF, 2015 – 2018), und das Projekt “Digitale Zukunft” ein der Gewinnerprojekte im Strategiewettbewerb vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.  (Stifterveband, 2015 – 2017). Ilona Buchem ist an mehreren Initiativen und Fachgruppen zum Einsatz von digitalem Medien in der Lehre beteiligt, u. a. sie ist Gründerin und Vorsitzende von Europortfolio German Chapter, im Rahmen vom EU Projekt zu ePortfolios in der Lehre, sowie von der Special Interest Group zum Wearable Enhanced Learning (SIG WELL) bei der European Association of Technology Enhanced Learning. Im Vordergrund ihrer aktuellen Forschungsarbeit steht die Entwicklung von Digitalisierungsstrategien sowie den Einsatz von digitalen Medien, u. a. ePortfolios und Open Badges, zur Kommunikation von Vernetzung.