Thomas Damberger

Dr. Thomas Damberger

Quantified Self als Maß aller Dinge

Seit etwa 2007 haben wir es mit dem Phänomen des „Quantified Self“ zu tun. Gemeint ist damit das „Self-Tracking“ von biologischen und physi- schen Daten, aber auch von Verhaltensweisen und Umweltinformationen. Das Erfassung und Speichern geschieht bspw. mithilfe unterschiedlicher Smartphone-Applikationen, wobei die gewonnen Daten in Internetforen mit der Community geteilt und verglichen werden können. Nun kann das Quantifizieren und Messen von Körperdaten und Verhaltensweisen als Ausdruck eines Strebens nach Selbsterkenntnis verstanden werden, zu- gleich aber auch als Ausgangspunkt von Strategien der Selbstdisziplinie- rung und Selbstoptimierung.

Beides ist aus einer bildungstheoretischen Perspektive hoch interessant. Denn: Bildung zeichnet sich einerseits dadurch aus, dass der Einzelne sich in der Konfrontation mit der Welt reflexiv einholt. Erst dieses refle- xive Verhältnis schafft die Möglichkeit, dass sich der Mensch in die Welt in einer sich selbst gemäßen Weise hineinbilden kann. Mithilfe von „Self- Tracking“-Applikationen wird bisher Verborgenes am eigenen Körper und an den eigenen Verhaltensweisen in nummerischer Form sichtbar gemacht. Damit wird etwas in Erfahrung gebracht, was in einem nächsten Schritt verändert bzw. verbessert werden kann. Was dieses Bessere ist, orientiert sich an dem, was zuvor als Norm vereinbart wurde. Während derartige Normen (normale Blutwerte, normales Gewicht, normale Aus- dauer etc.) bisher von Experten (fremd-)bestimmt wurden, hat der Einzel- ne nun die Möglichkeit, mit der Community gemeinsam Normen neu zu bestimmen und diese als Ausgangspunkt für das individuelle Selbstopti- mierungsprogramm zu machen. Was er aus sich macht, wird dabei nicht nur von ihm selbst bzw. der entsprechenden Applikation erfasst, sondern zugleich (auch) von der Community im weitesten Sinne evaluiert, was zugleich den Ermöglichungsgrund für ein selbstreflexives Verhältnis zur eigenen Selbstgestaltung bietet.

Die Quantifizierung des Selbst lädt dazu ein, dieses Selbst nach ökonomi- schen Gesichtspunkten zu optimieren, effizienter Sport zu treiben, sich gesünder zu ernähren, noch offene Zeitfenster sinnvoll auszufüllen etc. Folgt man anstelle einer idealistischen Vorstellung von Bildung einem ökonomischen Bildungsverständnis, dann korrespondiert das permanente „Self-Tracking“ mit der Vorstellung, sich selbst möglichst vollständig unter Kontrolle zu bringen und entsprechend der existierenden bzw. zu- künftigen Marktanforderungen zu optimieren. Damit wird das „Quantified Self“ auch zur Basis bereits vorhandener bzw. in naher Zukunft greifbarer technologischer Selbstverbesserungsmöglichkeiten. Die technologische Erfassung des Menschen stellt damit die notwendige Bedingung für das sog. Human Enhancement – die mithilfe technologischer Mittel erzeugte Verbesserung des Menschen über das „normale Maß“ hinaus – dar. Der Vortrag zielt auf die Beantwortung der grundliegenden Frage ab, welche (medien)pädagogische und bildungstheoretische Relevanz dem „Self- Tracking“ zukommt?

Kurzprofil

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Thomas Damberger ist promovierter Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Erziehungs- und Bildungstheorie; Neue (Digitale) Medien, Allgemeine Didaktik & Mediendidaktik, Human Enhancement & Transhumanismus.